…damit ist die unmittelbare und dualistische Unterscheidung von Sichtbarem und Unsichtbarem, von Ausdehnung und Denken zurückgewiesen, […] weil sie füreinander Vorderseite und Rückseite und beide stets hintereinander sind. (Maurice Merleau-Ponty)
Sehen ist ein Zusammenspiel von Erscheinen und Entzug. Was sichtbar wird, trägt stets etwas in sich, das sich dem Blick entzieht. Malerei führt dies auf besondere Weise vor Augen: Der Farbauftrag lässt den Bildträger zurücktreten. Das erscheinende Bild löst sich jedoch nie von seinem materiellen Grund. In der Bildfläche, ihrer Textur und jeder Spur des Pinselstrichs tritt dieser Grund als Bedingung des Sichtbaren wieder hervor. Bild und Bildträger gehören einem gemeinsamen Gewebe an, das zugleich verbirgt und enthüllt.
Auf einigen Gemälden dieser Ausstellung sehen wir Farbflächen, die die rechteckige Form des Bildträgers aufgreifen. Indem sie sich überlagern und teilweise verdecken, bringen sie einander wechselseitig zum Vorschein. Ohne sich je zu einem perspektivischen Bildraum zu fügen, verweisen sie auf einen verborgenen Hintergrund: Schemenhaft scheint sich unter der Leinwand ein Keilrahmen abzuzeichnen. Was hier zum Bild wird, erweist sich als pastoses Echo einer Form, die durch den Farbauftrag überdeckt wurde.
Bei anderen Werken ist der Stoff des Bildträgers so offenporig, widerständig und rau, dass er im Bild beharrlich präsent bleibt. Gewebe und Farbauftrag verbinden sich zu Landschaften unbestimmter Topologie; zu lichtvollen Weiten, ungreifbaren Formen und schwankenden Horizonten. Oszillierend zwischen atmosphärischer Auflösung und materieller Verdichtung rufen sie eine Dimension des Sehens auf, die dem Erkennen von Gegenständen vorausgeht.
Gemeinsam ist allen Werken dieser Ausstellung, dass Farbe und Stoff über die Bildfläche hinausweisen. Ihre Oberflächen verbinden sich mit der Textur der umgebenden Wände; ihre taktile Beschaffenheit mit unserer Haut. Überschüssiger Stoff legt sich um die Bildränder, wie Kleider um unsere Körper oder Verband auf eine Wunde. Eine Naht verschließt den Stoff einer Leinwand wie Narben Hautgewebe.
Renato Castanharis Werk zeigt uns, dass nicht nur Bild und Bildträger einem gemeinsamen Gewebe angehören, sondern dass sie dieses mit uns und der Welt teilen. Es ist ein poröses Gewebe, bei dem das Verborgene beständig durch den Stoff hindurchschimmert. (Carla Lohmann-Malegiannakis)
Webseite: www.castanhari.art








